Der folgende Artikel wurde von mir für eine Zeitschrift meiner Heimatuniversität verfasst. Er ist gleichzeitig Rückblick auf das Auslandsjahr in Warschau und Bericht über die Eigenheiten Warschaus, so wie ich es kennengelernt habe. Deshalb soll er hier im Blog nicht fehlen:
Ein Jahr ERASMUS in Warschau, der Stadt der Kontraste und des Aufbruchs
„Ich fahre im Sommer zwei Wochen auf die Malediven.“ „Ach echt? Da war ich letztes Jahr. Echt schön. Aber ich fahre dieses Jahr auf Safari nach Kenia.“ „Soll auch schön sein, mein Nachbar war letztens da.“ – Diesen Dialog kann man wahrscheinlich zwischen Kiel und Freiburg so oder so ähnlich ohne weitere Verwunderung häufiger hören. Ersetzt man die Malediven aber durch Polen, läuft der Dialog meist so: „Ich werde im Sommer in Polen sein, in Warschau.“ „Polen? Warum das denn?“ Der Nachbar im Osten ist vielen fremd, die Reaktion ist meist ein überraschtes Unverständnis. Polen ist für viele exotischer als weit entfernte Inseln im Pazifik, für manche auch nur „kurz vor Russland“. Ein Studienjahr im Ausland, na klar. Aber Polen? Warum denn nicht die USA, Frankreich oder Großbritannien. Meinetwegen auch Skandinavien. Aber Osteuropa und Polen? Antworten, warum gerade Polen, gibt es viele. Und nach bald einem Jahr in Warschau ist für mich die Auswahl an Gründen, die dafür sprechen, nur noch größer geworden.
Es ist Montagmorgen, etwa kurz nach neun. Die Sonne scheint und es ist bereits angenehm warm. In Gedanken ist man noch im Wochenende, und das war mal wieder lang. Denn eines war schon nach wenigen Wochen in Warschau klar: Langweilig wird es nicht werden. Die Stadt hat viele, sehr viele Clubs, Cafés, Kneipen, Theater, Galerien und Alternativkunstprojekte. Die Clubszene wird als eine der interessantesten in Europa beschrieben, von Szene-Diskos, Clubs in alten Fabrikgebäuden bis zu Yuppie-Läden ist alles in großer Auswahl dabei. Gleiches gilt für Kneipen und Cafés, das Angebotsspektrum reicht dabei von studentischen Kellerkneipen, atmosphärischen post-sozialistische Cafés, bis hin zu Kunstkneipen mit Live-Konzerten und kleinen versteckten Hinterhofbars oder den derzeit sehr beliebten Kombinationen aus Buchladen und Café.
Ein paar Momente später. Der Bus kommt. Er ist voll, wie so oft. Doch wie immer bewahrheitet sich eine der Besonderheiten des Busfahrens in Warschau: Mag es auch noch so voll sein und der Fahrer wie ein Verrückter beschleunigen und bremsen, keiner tritt einem anderen auf den Fuß oder schleudert unkontrolliert durch den Bus. Höchstens beim Aussteigen könnte man einen Ellbogen einer älteren Dame in der Seite haben, die unbedingt als erste den Bürgersteig erreichen möchte. Wer mit dem Bus oder der Straßenbahn durch das Zentrum von Warschau fährt, der wird bald auf eine weitere Eigenschaft dieser Stadt stoßen: Kontraste. Denn mag Warschau auch auf den ersten und flüchtigen Blick manchmal grau, unfreundlich und chaotisch erscheinen, so merkt man schon bald, dass es diesen Begriffen nur oberflächlich gerecht wird. Denn mindestens auf den zweiten Blick stellt man fest, dass es kein einheitliches Urteil über diese Stadt geben kann. Die Kontrastspanne reicht von UNESCO-Weltkulturerbe-Altstadt über Gründerzeitbauten und Stadtvillen hin zu sozialistischen Prachtbauten und Plattenbauten, sowie die nach 1989 entstandenen und entstehenden Glasbauten der neuen „kapitalistischen Ära“, die manchen bereits von klein Manhattan sprechen lassen, was aber noch etwas übertrieben ist. Kurz gesagt, man könnte durch fünf Straßen laufen und meinen, man wäre in fünf verschiedenen Städten. Und gerade darin liegt die Spannung und der Reiz der Stadt: Sie ist jeden Tag anders und man kann immer Neues entdecken. Und selbst eine Palme, wenn auch eine künstliche, ist mitten im Zentrum dabei nichts Ungewöhnliches.
Nach etwa zwanzig Minuten Fahrt erreicht mein Bus die Universität, die als eine der besten des Landes gilt (bei einem Gastvortrag im Rahmen einer Vorlesung nahm sogar der Umweltminister neben den Studenten platz). Der Hauptcampus liegt mitten im Herzen der Stadt, direkt am Warschauer Prachtboulevard Nowy Świat beziehungsweise Krakowskie Przedmieście. Die hauptsächlich klassizistischen Uni-Gebäude wurden erst vor kurzem renoviert und erhielten so ihre alte Pracht zurück. Die meisten Vorlesungen und Seminare der Politikwissenschaftlichen Fakultät werden hier gehalten. Aber auch die Historiker sitzen in den alten Gebäuden, die die Folgen des Warschauer Aufstandes von 1944 (nicht zu verwechseln mit dem Aufstand im Warschauer Ghetto von 1943) größtenteils unbeschadet überstanden, weil sie als deutsche Polizeistation genutzt wurden. Womit man direkt bei einem für Warschau, die Uni und ganz Polen wichtigen Thema angelangt wäre, was zumindest kurz gestreift werden muss: der Aufstand. Der Kampf gegen die deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg, gegen Unterrückung und für die Demokratie und das untätige Zusehen der Sowjetarmee – dieser Aufstand beeinflusst bis heute das polnische Selbstverständnis und ist mit unzähligen Gedenktafeln im Warschauer Stadtbild präsent. Und trotz der schwierigen Geschichte, gerade zwischen Deutschland und Polen, ist es heute überhaupt kein Problem, als Deutscher in Polen zu leben. Man wird nur selten mit Skepsis und Misstrauen empfangen, denn das Deutschland-Bild hat sich seit den 1990ern stetig verbessert. Mittlerweile bekommt Angela Merkel sogar mehr Sympathiewerte als der derzeitige polnische Präsident Lech Kaczyński.
Gute neunzig Minuten später, die Vorlesung ist gerade beendet, steht eine kleine Pause bevor und es geht mit einigen Kommilitonen aus Polen und anderen ERASMUS-Studenten ins „Kafka“, ein kleines Café in der Nähe der Uni. Der Himmel ist blau und der Frühlingsanfang lädt gerade dazu ein, sich in einen der Liegestühle in der Sonne zu setzen und ein bisschen zu plaudern. Geredet wird meist auf Englisch, denn Polnisch lernen zwar die meisten, aber wenn es komplexer wird, wechselt man schnell ins für alle sicherere Englisch. Die Lehrsprache an der Uni ist es für die meisten ohnehin. Zusätzlich gibt es auch einige fremdsprachige Vorlesungen auf Deutsch oder Französisch. Bei so einem Besuch in einem Warschauer Café merkt man dann, was Europa und was ERASMUS bedeutet. Studenten aus Polen, Frankreich, Deutschland, Slowenien, Bulgarien, Rumänien, Italien, Norwegen oder Portugal (die Liste ließe sich beliebig fortsetzen) treffen in einer Stadt zusammen, in der vor knapp 70 Jahren der Zweite Weltkrieg in einer der abscheulichsten Arten tobte, und diskutieren gemeinsam über ihre Erfahrungen, verschiedene Sichtweisen und die Zukunft. Warschau entwickelt sich seit einiger Zeit zur Metropole und Drehscheibe für Ost- und Mitteleuropa, was sich in einer ungeheuren Dynamik und einem überall spürbaren Aufbruch bemerkbar macht, und behält sich dabei doch ihre charmanten Eigenheiten wie die „Milchbars“ mit landestypischen Essen oder den kleinen Händlern auf Märkten oder Hallen.
Nach dem Café-Besuch geht es noch auf ein Stündchen in die neue Uni-Bibliothek, die mit ihrem verzaubernden Dachgarten bereits eine der neuen Geheimtipps in Warschau geworden ist. Nach einem Anruf geht es dann spontan zu einem Jazz-Konzert ins „Plan B“, einen Mix aus Café und Kneipe, das am atmosphärischen Plac Zbawiciela gelegen ist. Der Platz selber symbolisiert dabei die so typische Warschauer Symbiose: Barocke Kirche umrundet von Zuckerbäcker-Architektur und dem Elan des Aufbruchs in den umliegenden Cafés.
Ein Austauschjahr in Polen, das heißt eigene Bilder im Kopf vor Ort korrigieren, seinen Horizont erweitern, neue Leute kennen lernen und ein Land bereisen, das mit seinen gastfreundlichen und liebeswürdigen Menschen einfach entdeckt werden will. ERASMUS in Warschau – das ist das Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.